Ein Blatt Liebe by Emile Zola

Ein Blatt Liebe by Emile Zola

Author:Emile Zola [Zola, Emile]
Language: deu
Format: epub
Tags: Fiction, Literary
Publisher: Feedbooks
Published: 1878-11-04T16:00:00+00:00


Kapitel 11

Die Genesung zog sich durch Monate hin. Noch im August hütete Jeanne das Bett. Gegen Abend durfte sie ein oder zwei Stunden aufstehen. Nur mühsam konnte sie sich bis ans Fenster schleppen, wo sie in einem Lehnstuhl ruhte, das Gesicht der untergehenden Sonne zugekehrt, deren Strahlen Paris in Flammen setzten. Die schwachen Beine verweigerten den Dienst. Man müsse eben warten, bis sie recht viel Suppe äße, scherzte sie wohl mit mattem Lächeln. Man schnitt ihr rohes Fleisch in die Kraftbrühe. Sie aß es tapfer, weil sie gar zu gern in den Garten zum Spielen gegangen wäre.

So verstrichen Wochen und Monate in Eintönigkeit, ohne daß Helene die Tage zählte. Sie ging nicht mehr aus und vergaß über Jeanne Welt und Leben. Keine Nachricht drang von draußen bis zu ihr. Das Kind war gerettet, aber die Unruhe wollte sie nicht loslassen, öfter und öfter sah Helene jenen Schatten wiederkehren, der Jeannes Gesicht mißtrauisch und böse verfinsterte. Warum solcher Wechsel inmitten der Freude? Litt das Kind neue Schmerzen?

»Was du nur hast, mein Liebling! Eben noch lachtest du, und jetzt bist du traurig. Hast du Schmerzen?«

Jeanne wandte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in den Kissen.

»Mir ist nichts. Ich bitte dich, laß mich,« sagte sie unwillig.

Auch der Arzt wußte sich keinen Rat. Stets, wenn er da war, wiederholten sich die Anfälle, und er schob es auf die Nervosität der Kranken. Man dürfe ihr vor allem nicht widersprechen.

Eines Nachmittags schlief Jeanne. Henri, der die Patientin recht munter und wohlauf gefunden hatte, war noch eine Weile geblieben und plauderte mit Helene, die wieder mit der gewohnten Näharbeit am Fenster saß. Seit jener schrecklichen Nacht, in der ihm die Geliebte aus der Fülle ihres Herzens die Leidenschaft bekannt hatte, ließen sie sich an jenem süßen Wissen genügen, daß sie einander in Liebe zugetan waren, unbekümmert um das Morgen, unbesorgt um die Welt.

Neben Jeannes Krankenbett, in diesem noch vom Todeskampfe erschütterten Gemache, schützte sie eine herbe Keuschheit vor dem plötzlichen Überfall ihrer Sinne. Das Atmen des unschuldigen Kindes hielt Helene im seelischen Gleichgewicht, doch je mehr die Kranke gesundete, desto stärker wuchs auch ihre Liebe. An diesem Tage waren sie sehr zärtlich zueinander.

»Ich versichere Sie, daß es nun schnell bergauf gehen wird,« sagte der Doktor. »Keine vierzehn Tage mehr, und unsere Jeanne wird im Garten spielen können … «

Während Helene eilig die Nadel führte, flüsterte sie:

»Gestern ist sie noch sehr traurig gewesen. Aber heute morgen hat sie gelacht und mir versprochen, besonders artig zu sein.«

Ein langes Stillschweigen folgte. Das Kind schlief noch, und sein Schlummer hüllte es in den tiefen Frieden der Genesung. Wenn sie ruhte, fühlten sich beide erleichtert und einander zugehörig.

»Sie haben unsern Garten lange nicht mehr gesehen, er ist jetzt ein Blumenmeer.«

»Die Margeriten blühen schon, nicht wahr?«

»Ja, das Beet ist ganz herrlich. Die Waldreben sind bis in die Ulmen hinaufgerankt, ein richtiges Blätternest … «

Wieder stand das Schweigen um sie. Helene legte die Näharbeit beiseite und blickte lächelnd auf. Gemeinsam gingen sie in Gedanken in einer tiefen Schattenallee, in die es Rosen regnete.

Henri sog den leichten Verbenenduft ein, der ihrem Hauskleide entströmte.



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